Eine Zeit der Umbrüche- die Wackelzahnpubertät

»WENN BEI DEINEM KIND DIE ZÄHNE WACKELN, WACKELT AUCH DIE KLEINE SEELE. KINDER MACHEN IN DER "WACKELZAHNPUBERTÄT" VIELFÄLTIGE ENTWICKLUNGEN AUF VERSCHIEDENEN EBENEN UND BRAUCHEN FEINFÜHLIGE ELTERN AN IHRER SEITE, DIE BEGLEITEN UND SICHERHEIT GEBEN.«





Autonomiephase und Pubertät waren mir bekannt. Aber was ist eigentlich die Wackelzahnpubertät?

Ich habe erstmals vor zwei Jahren davon gehört und als mein Sohn in diese Phase kam, habe ich das Buch von Andrea Zschocher "Nicht mehr klein und noch nicht groß" gelesen. Andrea ist freie Journalistin, Autorin und eine der beliebtesten Bloggerinen Deutschlands.


Um das Thema Zähne gibt es ungemein viel Wissen und Wissensbedarf. Andrea widmet sich dem speziellen Thema der Wackelzahnpubertät und spricht für die Recherche mit einer Kinderzahnärztin und anderen "betroffenen" Eltern. Uns verrät sie im Interview u.a. welche persönlichen Hintergründe sie zu diesem Ratgeber bewegt haben und wie wir als Eltern unserer Kinder in dieser Phase begleiten. Gerade ist ihr neues Buch über Schreibabys erschienen. In "Wie du dein Schreibaby beruhigst" geht es vor allem um die Eltern, die mit dieser Herausforderung zu kämpfen haben.

Viel Freude beim Lesen!


Andrea, dich kennt man vom Blog Runzelfuesschen.de, du bist Autorin des Buches «Nicht mehr klein und noch nicht gross», in welchem es um die Wackelzahnpubertät geht, und freie Journalistin. Wie bist du auf dieses Thema gekommen, was berührt dich daran?

Ich finde diese Zeit einfach sehr spannend, weil Eltern ja oft glauben: Puh, so mit fünf, sechs Jahren, da kommt endlich mal etwas Ruhe rein. Weil die Kinder der Kleinkindphase entwachsen sind, die Pubertät aber noch in weiter Ferne ist. Mir ging es ja auch so, ich dachte: Jetzt mal durchatmen (so gut das eben geht mit drei Kindern). Und dann hat es mich ein bisschen kalt erwischt, was die Wackelzahnpubertät auch bedeuten kann. Das ist ja bei jedem Kind auch unterschiedlich ausgeprägt. Weil ich dazu aber nirgendwo etwas gelesen habe, wollte ich dazu gern ein Buch schreiben.


Kannst du uns erklären, was du unter dem Begriff Wackelzahnpubertät verstehst? In welchem Alter sind Kinder in der Wackelzahnpubertät?

Die Wackelzahnpubertät ist auch als Vorschulpubertät bekannt, was aber eigentlich etwas zu kurz greift. Weil es eben nicht nur Kinder in der Vorschulphase betrifft, sondern auch die, die schon in der Grundschule sind. Die Wackelzahnpubertät umfasst die Zeit vom ersten Wackelzahn (so ungefähr ab dem fünften Geburtstag, manchmal auch früher) bis ungefähr zum achten/neunten Lebensjahr. Es ist aber keine exakte Wissenschaft, Kinder bei denen erst spät(er) die Zähne wackeln, die sind dann eben auch ein wenig länger in dieser Phase.


Mein 6jähriger Sohn meinte gestern zu mir, ich sei «der unlogischste und idiotischste Mensch auf der ganzen Welt». Im ersten Moment dachte ich an einen ersten pubertären Schub. Was hat es mit Wutausbrüchen in diesem Alter auf sich?

Wow, das ist gleichzeitig eine ziemlich fiese und eine ziemlich schlaue Beleidigung, oder? Fällt einem in dem Augenblick, in dem man das hört, natürlich nicht so auf. Aber es ist doch eine sehr differenzierte Bemerkung, die dein Sohn da gemacht hat. Obwohl sie natürlich nicht besonders schön ist, finde ich sie sehr bemerkenswert. Aber das wolltest du ja gar nicht wissen.

Also nein, es handelt sich dabei nicht um einen pubertäten Schub. Sondern um eine wütende Äußerung darüber, dass dein Sohn irgendwas ungerecht fand. Während die jüngeren Kinder da noch mit «doofe Mama» reagiert hätten, hat dein Wackelzahnkind schon sehr genau erfasst, was ihn eigentlich stört. Dass du irgendwas für ihn unlogisches getan hast. Und unlogisches kann, genau wie eigentlich alles, Kinder in der Phase unglaublich wütend machen. Sie merken, dass sich vieles verändert, natürlich auch ihr Denken. Und das macht Angst. Und auf Angst reagiert man dann eben gern mit Wut, weil man dann das Gefühl hat, etwas tun zu können.


In deinem Buch habe ich gelesen, dass die ausfallenden Zähne auch Symbol sind für die psychischen Verabschiedungen/ das Loslassen in diesem Alter. Der Wechsel vom Kindergarten in die Schule findet statt zum Beispiel. Ist das Loslassen, Rausfallen der Zähne für manche Kinder deshalb so schwer?

Die Wackelzahnpubertät ist eine Zeit der Umbrüche. Und darin sind wir Menschen unterschiedlich gut. Manche stecken das ganz locker weg, für andere ist es ein großes Problem. Das ist bei uns Erwachsenen ja auch nicht anders. Wir können aber auf Erfahrungswerte zurückgreifen. Wir wissen was es bedeutet in die Schule zu kommen, wir haben das erlebt und eine ungefähre Vorstellung davon, was unsere Kinder erwartet. Da haben wir einen großen Wissensvorsprung unseren Kindern gegenüber. Die wissen nur: Es verändert sich was. Alle reden ständig darüber. Ob das gut oder schlecht ist, können sie gar nicht einschätzen. Und während alle von den Veränderungen (und schlimmer noch, dem «Ernst des Lebens» reden, fallen ihnen auch noch die Zähne aus. Das fühlt sich nicht schön an und verunsichert noch mehr. Ist ja eigentlich klar, dass sich unsere Kinder dann mit der Gesamtsituation schwer tun, oder?


«Wackeln die Zähne, wackelt die Seele», diesen Spruch habe ich vor einiger Zeit gehört und er hat mich berührt. Wie kann ich als Elternteil meinem Kind in dieser Phase «Fels» sein?

Indem du da bist. Und zwar so richtig. Klingt nach einer riesigen Aufgabe, aber ich meine damit nicht, dass du nun ständig dein Kind belagern sollst. Aber ihm versichern, dass du da bist, dass dein Kind immer zu dir kommen kann. Und zusammen lachen finde ich auch wichtig. Wer gemeinsam albern ist, der ist sich meist ja auch sehr nah. Und diese Nähe brauchen Kinder in der Zeit, auch wenn sie im ersten Moment vielleicht so tun, als würde das nicht stimmen.


Mein Sohn meinte letzthin, er fahre selber mit dem Auto in die Schule, er könne das. Ist Selbstüberschätzung oder Grössenwahn typisch für dieses Alter? Und wie begleite ich dies?

Ach, dieser Größenwahn. Ich mag das ja, also zumindest wenn ich ganz entspannt bin. Weil ich dann denke: Schau, unsere Kinder haben so wenig Barriere im Kopf, sie sind davon überzeugt die Größten zu sein und alles zu können. Wäre doch manchmal gut, wenn wir uns davon eine Scheibe abschneiden.

Aber klar, es ist natürlich auch herausfordernd. Am besten begleitest du das, in dem du das mit Humor und Liebe und Zuneigung begleitest. Hör dir doch mal an, wie dein Sohn mit dem Auto zur Schule fahren will. Natürlich kannst du ihn nicht ans Steuer setzen, aber vielleicht will er dich ja auch nur darauf aufmerksam machen, wie ihr mal einen anderen Weg zur Schule nehmen könnt? Am Ende kannst du vermutlich auch was Neues durch seine Selbstüberschätzung entdecken.


Was passiert in dieser Phase im Körper eines Kindes, nebst den ausfliegenden Zähnen? Macht die Gehirnentwicklung einen Wachstumsschub durch oder weiss man, dass der Hormonspiegel in diesem Alter höher ist?

Nein, der Hormonspiegel verändert sich nicht. Das wird immer wieder behauptet, aber es stimmt einfach nicht. In dem Wackelzahnalter spielen Hormone, wie sie in der echten Pubertät dann wirklich interessant werden, überhaupt keine Rolle.

Unsere Kinder wachsen in der Wackelzahnpubertät auch viel, ihr ganzer Körper verändert sich. Und damit müssen sie erst lernen umzugehen. Das erklärt das viele Stolpern und Fallen.


In deinem Buch habe ich das erste Mal von den 6Jahres Moralen gelesen. Was hat es damit auf sich?

Die 6-Jahr-Molaren sind die Backenzähne, die um das sechste Lebensjahr in den Kiefer schießen. Sie waren vorher nicht da (aber natürlich im «Bauplan» der Kinder schon angelegt). Die Zähne sind zum einen dafür verantwortlich, dass sich das Gesicht unserer Kinder sehr verändert. Der Kiefer verbreitert sich, dadurch verschwindet das rundliche Gesicht ein wenig. Zum anderen wird das Wachsen der 6-Jahr-Molaren aber auch häufig von Kopfschmerzen begleitet, was dafür sorgt, dass es unseren Kindern nicht so gut geht.


Du beschreibst in deinem Buch sehr anschaulich, wie sich die Körperwahrnehmung der Kinder verändert, wie sie tollpatschig sind, vermehrt in Türen rammen oder eine schlacksige Körperhaltung einnehmen. In welchem Zusammenhang steht dies mit der Wackelzahnpubertät?

Dadurch, dass unsere Kinder wachsen, müssen sie sich ihren Körper erst wieder zurückerobern. Alles fühlt sich auf einmal anders an, so, als hätten sie gar keine richtige Kontrolle über sich. Kinder in der Wackelzahnpubertät können wirklich sprunghaft wachsen, was nicht nur zu Tollpatschigkeit führt, sondern echte Wachstumsschmerzen zur Folge haben kann. Eltern sollten hier sensibel reagieren.


Ich gehe davon aus, dass diese Lebensphase mehr oder weniger stark ausgeprägt ist bei den Kindern. Wie kann ich ein Kind begleiten, dass sehr extrem auf die körperliche Veränderung reagiert?

Das kommt ein bisschen darauf an, was dein Kind braucht. Wünscht es sich eine Begrenzung, weil es zum Beispiel nicht weiß, wie es sich bequem auf einen Stuhl setzen soll, kann ein kleiner Hocker für die Füße helfen. Will ein Kind sich gern viel bewegen, geht einfach viel raus und lasst das Kind rennen. Umso mehr Kinder sich mit ihrem veränderten Körper auseinandersetzen, umso eher fühlen sie sich wieder wohl in ihm.


Hast du einen Tipp wie man Kinder begleitet, für die das Zähne verlieren sehr schmerzhaft und auch emotional fordernd ist?

Ein Stückweit ist das bei den ersten ausfallenden Zähnen wohl für alle emotional. Denn klar, da fällt was raus, was zu einem gehört. Und es ist ja auch total spannend, was da passiert. Ich würde mich da immer von den Emotionen des Kindes leiten lassen. Findet es den Zahnwechsel langweilig (was bei den ersten 1-3 Zähnen eher selten passiert), macht man selbst auch keine große Sache draus, freut sich aber. Hat das Kind eher Angst und Sorgen, sollten Eltern das ernst nehmen und Zuversicht schenken. Wichtig finde ich, die Gefühle nicht abzuwerten. Ja, vielleicht finden wir Eltern das «übertrieben», dass das Kind so vor Schmerzen jammert. Aber wie können wir das denn beurteilen? Ich kann da nur immer wieder appellieren, das eigene Kind ernst zu nehmen. Es fühlt, was es fühlt. Und wir sind da, um aufzufangen, Mut zuzusprechen und die aufregende Zeit zu begleiten.


Darf man die Zähne rausziehen? Oder sie, so wie ich das als Kind gemacht habe, an einen Faden und an die Tür hängen?

Ich erinnere mich auch noch an den Faden und die Tür. Wenn das Kind da keine Angst vor hat, dann spricht eigentlich wenig dagegen. Allerdings empfinde ich persönlich das heute als etwas martialisch und würde das bei meinen Kindern nicht machen.

Den Zahn rausziehen ist aber natürlich erlaubt. Im Idealfall lässt man das aber das Kind selbst erledigen. Denn die kleinen Großen sind doch total stolz darauf, wenn sie es am Ende allein geschafft haben. Will der Nachwuchs das partout nicht, könnt ihr den Zahn selbst mit einem Taschentuch umwickeln und rausknacksen. Wollt ihr das auch nicht, wendet euch an eine Kinderzahnärztin oder einen Kinderzahnarzt. Da wird euch ganz sicher geholfen.


Gilt es etwas besonderes zu beachten bezüglich Zahnpflege in dieser Phase? Ich kann mir vorstellen, dass es für einige Kinder schmerzhafter ist, Zähne zu putzen?

Zähne putzen ist ein Muss. Ja, es kann sein, dass das Putzen weh tut, aber nicht putzen ist keine Option. Die Beläge müssen runter. Wenn eure Kinder da besonders empfindlich sind, dann putzt ihr mit einer weichen Zahnbürste gründlich drüber. Nicht putzen müsst ihr nur dann nicht, wenn der Wackelzahn frisch raus ist und euch quasi ein Loch angrinst. Da aber recht zeitnah der neue Zahn kommt, solltet ihr das Putzen eigentlich durchgehend betreiben.

Wichtig ist mir, dass Eltern ihren Wackelzahnkindern immer nachputzen sollten. Ich weiß, viele denken, dass spätestens mit dem Schuleintritt die Kinder allein für die Zahnhygiene verantwortlich sind. Das halte ich für falsch. Denn erst wenn sie flüssig Schreibschrift schreiben können, sind sie in der Lage, ihre Zähne auch wirklich angemessen zu putzen. Zumindest das Nachputzen sollte also in der Wackelzahnpubertät noch von euch begleitet werden.


Und was mache ich mit den ausgefallenen Zähnen? Holt sie die gute alte Zahnfee oder hast du alternative Ideen?

Das handhabt glaube ich jede Familie anders. Die Zahnfee ist in vielen Familien ein Thema, bei uns kommt sie nicht. Es gibt bei uns auch keine Geschenke für ausgefallene Zähne, beim ersten Zahn habe ich aber eine kleine Box besorgt, die mein Kind sich für die Milchzähne gewünscht hat. Ich bin damit vielleicht allein, aber wegen mir müssten wir die auch nicht sammeln. Das Kind wünscht es aber, also machen wir das dann mal.

Hier kann ich nur raten im Vorfeld mit euren Kindern zu sprechen, was sie sich wünschen. Viele mögen die Vorstellung nicht, dass die Zahnfee nachts ins Zimmer kommt, da gibt es Alternativen. Im Buch widme ich dem Thema Zahnfee ja ein eigenes Kapitel, weil es so unterschiedliche Ansätze dazu gibt.


Was kannst du mir als Mama für einen Tipp geben für diese Zeit, die ja schon sehr anstrengend ist und teilweise mit Überforderung einhergeht?

Natürlich geht die Wackelzahnpubertät nicht spurlos an uns Eltern vorüber. Mein Rat ist daher: Um der Fels für unsere Kinder zu sein, müssen wir gut auf uns selbst achten. Wie Eltern zur Ruhe kommen ist sehr unterschiedlich. Mein Mann geht gern joggen und kann dabei total abschalten. Ich lese viel. Im Buch berichtet eine Mutter davon, dass sie gern Onlinespiele spielt. Was immer einen entspannt ist doch eine gute Idee, oder?


Mehr über Andrea erfährst du hier: https://runzelfuesschen.de/

Bücher:

- "Nicht mehr klein und noch nicht gross"

- "Wie du dein Schreibaby beruhigst" geht es vor allem um die Eltern, die mit dieser Herausforderung zu kämpfen haben.



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